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Sehnsucht Deutschland - Film

Burg auf Rädern - mit dem Wohnmobil über die deutsche Burgenstraße

Mit fahrender Festung durch Süddeutschland: eine Familie von Wohnmobilanfängern auf Zeitreise an der deutschen Burgenstraße.

Text: Walter Schütz

Fotos: Lisa Bahlmann

Tiefschwarzer Himmel, spastisch zuckende Blitze, krachende Donnerschläge. Kaum unter die Decken gekrochen, bricht über dem gefühlt nur wenige Millimeter dicken Dach die Hölle los. Faustgroße Tropfen müssen das sein, ?die da nur etwa dreißig Zentimeter über unseren Köpfen zerplatzen, während es immer wieder tag-?hell durchs Oberlicht leuchtet. Fantastisch! Und in keinem Hotel ist es auch nur halb so packend, wie im Wohnmobil. Manchmal macht die unmittelbare Nähe zur Natur einen noch so unspektakulären Platz zu einem echten Erlebnis. So zum Beispiel diesen freundlich betreuten, aber eher schmucklosen Stellplatz am Rand des schönen Ladenburg, den Ort unserer ersten Nacht in einem fahrbaren Haus.

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Am nächsten Morgen kriechen wir aus unseren Betten und sehen uns um, wo wir hier gelandet sind: Etwas sonderbar ist es schon, auf einem markierten Stück eines Kiesplatzes zwischen anderen WoMos zu stehen. Man wünscht sich gegenseitg freundlich guten Morgen, fragt sich aber doch, warum man – abgesehen von den logistischen Vorteilen der Ver- und Entsorgung – eigentlich nicht allein irgendwo mitten in der schönen Landschaft steht.

Nach einem improvisierten Freiluftfrühstück aus unserer vollständig ausgestatteten Luxusküche geht’s weiter auf der Burgenstraße. Wir starteten am Tag zuvor in der Stadt Heidelberg mit ihrem wunderschönen Schloss, in dem wir uns „Rapunzel geht los!“ anguckten – und eine zahllose Schar asiatischer Touristen unsere blonde Kinderschar. Nun aber steuern wir unser mächtiges Reisemobil an den Neckar, den wundervollen, grünen Fluss, an dessen Ufer entlang sich die Burgenstraße schlängelt. Mächtig schiebt er sich neben einem her durch sattes Grün, das bis ans Ufer reicht und einen kurz vergessen lässt, durch welchen Teil der Welt man gerade fährt. Schon nach wenigen Kurven grüßen die ersten Burgen – oder das, was von ihnen übrig ist – von den Hügeln am Straßenrand und heißen uns Willkommen im Burgenland (von dem wir Dussel bisher immer dachten, es läge in Österreich).

Ein ergötzendes Gefühl

Wie der Götz von Berlichingen selbst fühlt man sich, wenn man durch die dicken Steinmauern hindurch seine Burg Hornberg betritt, beobachtet und beschützt von imaginären Wachen im Turm über dem Burgtor, wenn man den Blick schweifen lässt über das Neckartal, das dem Besucher saftig blühend zu Füßen liegt.

Spätestens, wenn die Kinder lärmend durch die alten Gemäuer krakeelen, tritt man endgültig seine ganz eigene Zeitreise an und beginnt sich vorzustellen, wie es wohl gewesen wäre, als Fami-?lie hier zu leben. Wenn man dann mal so rechnet und merkt, dass das erst 500 Jahre und somit eigentlich nur wenige Generationen her ist, dass ?Menschen hier gelebt und sich mit diesem Mor-?genstern, wie dort in der Auslage, die Köpfe einge-?schlagen haben, dann guckt man schon etwas befremdet auf sein Smartphone und fragt sich, was in diesen paar Jahren eigentlich alles passiert ist. Erstaunlich, wohin die alten Ritter es gebracht haben, als sie ihre unbequemen Rüstungen ablegten und aufhörten, sich die Köpfe ein- oder, wie im Fall des Götz, eine Hand abzuschlagen.

So lustwandeln wir in unseren Gedanken ungestört durch des Götzen Burg, steigen auf seinen Turm und lassen den Blick über die auch heute noch riesigen Wälder schweifen – hinüber zur Burg Guttenberg, auf der Anhöhe der gegenüberliegenden Seite des Tals, die für den nächsten Tag auf unserem Schlachtplan steht.

Wir steuern unser doch sehr großes Reisemobil über eine doch sehr enge Straße wieder hinunter ins Neckartal, Richtung Campingpark Eberbach, der malerisch am Neckar gelegen sein soll. Ist er dann auch – und zwar beides: direkt am Neckar und malerisch obendrein.

Platz 37. Und weiter?

Am Anfang ist das ja alles gar nicht so leicht. Beim auch hier extrem freundlichen Check-in auf dem Campingplatz wissen wir zwar schnell, welchen Stellplatz wir mieten wollen (erste Reihe am Neckar, klar) und dank eines Lageplans auch, wie wir da hinkommen. Aber was dann? Wie herum stellen wir das WoMo? Wo sind die Anschlüsse? Wo ist die Aussicht schöner? Wo geht die Sonne auf oder unter? Okay, Tür zum Neckar und möglichst weit nach vorn. Aber genau da ist das Gelände abschüssig. Hm. Man kann doch nicht schräg schlafen, oder? Haben wir nicht beim Einladen so kleine Rampen im Kofferraum gesehen? Wenn wir da eine links hinten und eine links vorn…? Während wir noch etwas hilflos überlegen, wird uns prompt geholfen: Die hilfsbereiten Nachbarn stehen uns mit Rat und Tat zur Seite (nein, nicht nur, weil sie auf unserer Grillstelle grillen) – und unser Wohnmobil schon wenig später gerade. Die Campingfreunde, die uns erstmal auf einen selbstgemachten (!) Kirschwein einladen, können viel verstehen: Dass wir zum ersten Mal im WoMo unterwegs sind und keine Ahnung von nichts haben. Oder dass wir extra aus Hamburg kommen, um durch die wunderschöne Gegend hier zu fahren und Burgen anzusehen. Aber eines will ihnen nicht in den Kopf: dass wir tatsächlich schon am nächsten Tag weiterfahren wollen und nicht mindestens für eine Woche hier bleiben. Ein bisschen recht haben sie ja. Als sie dann noch mit ihren VW-Amphibienfahrzeugen in den Neckar fahren und ihren juchzenden Enkeln Unvergessliches bieten, sitzen wir mit unserem Cola-Eis am Ufer und fühlen uns zwar nicht um 500 Jahre zurückversetzt, aber doch zumindest in die 70er.

Die Burg der Vögel

Weiter geht unsere Zeitreise bei der Ankunft auf der Burg Guttenberg. Großen Eindruck auf die Kleinen macht sofort die mannshohe Ritterpuppe samt Pferd, die uns im ersten Raum des Museums erwartet. Als dann auch noch Schlachten-lärm aus den Lautsprechern schallt, ist der Große restlos begeistert und der Kleinste restlos bedient. Wir verlassen schleunigst den ersten Raum, um uns in den anderen Turmzimmern der Ausstellung kurz mit der Evolution des Morgensterns und den Gegenständen des ritterlichen Alltags zu beschäftigen. Im Burggarten schließlich wartet ein echter Höhepunkt auf die Kinder: Die Greifvogelschau der Deutschen Greifenwarte, mit tieffliegendem Weißkopfseeadler und Mönchsgeier, lässt alle ehrfürchtig die Köpfe einziehen.

Spätzleberg, Ziegenhorn und Seefahrt

Begeistert von der Umgebung, bewegen wir uns trotz sportlicher Motorisierung im Schneckentempo voran. Wir lassen uns von der markanten Silhouette hoch über dem Neckar ins nur wenige Kilometer entfernte Bad Wimpfen locken: Die historische Stadtführung inklusive Livemusik auf Instrumenten wie der Ziegenhornflöte, die winkligen Gassen und tollen Fachwerkhäuser lassen uns hier den hohen Freizeitwert dieser Gegend genauso spüren, wie schon während unserer Aufenthalte in den Örtchen Eberbach und Mosbach.

Über Heilbronn, das uns nach den wenigen Tagen draußen schon jetzt zu viel Stadt ist, und Weinsberg, das seinem Namen spätestens dann alle Ehre macht, als wir beim Wein vor Bergen aus Fleisch und Spätzle sitzen, geht’s weiter Richtung Löwenstein. Zum einen natürlich wegen der dortigen Burg, zum ?anderen aber wegen der vorhergesagten 33 Grad und dem herrlichen Campingpark Breitenauer See, der in Löwenstein auf uns wartet.

Fahrendes Volk

Nach diesem Gebummel haben wir das Gefühl, den anderen Teilen der Burgenstraße unrecht zu tun, wenn wir ausschließlich hier bleiben. Wir beschließen also, an all den großen Städten vorbeizufahren und starten durch Richtung Fränkische Schweiz: Burg Pottenstein und die Teufelshöhle sind unser Ziel. Wer einmal auf einem Campingplatz übernachten möchte, auf dem man am liebsten sofort einen Western drehen würde, dem sei dafür die Bärenschlucht in Pottenstein ans Herz gelegt. Idyllisch von Felsen umgeben, mit einem kleinen Bach in der Mitte, wecken die herumstehenden Wohnmobile sofort die Assoziation an eine Wagenburg. Nach einer Wanderung auf die Burg, einem Ritt auf der Sommerrodelbahn und einem Abstieg zum etwa 340000 Jahre alten Tropfstein „Baum“ oder dem etwa halb so alten „Kaiser Barbarossa“ in der Teufelshöhle, Deutschlands ältester Schau-Tropfsteinhöhle, ist unsere Wohnmobil-Premiere nun vorbei, und wir müssen zurück zur Verleihstation fahren. Als wir dort den Schlüssel in die Hand des Verleihers zurücklegen, überlege ich kurz, wie es wohl vor ungefähr 500 Jahren gewesen wäre: Vermutlich hätte man ihm, wie einstmals dem Götz von Berlichingen, einfach die Hand abgeschlagen, um dann das Wohnmobil für sich behalten zu können. Ich hingegen verspreche ihm lieber in die Hand, irgendwann mal wiederzukommen.

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