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Sehnsucht Deutschland - Film
Julia Trentinis Dirndl bringen frischen Wind in urige Hütten

Deutsche Klassiker - Kleidsame Spitze

Deutsche Klassiker sind Marken, die noch heute mit Herz, Hand und Hingabe Produkte „Made in Germany“ herstellen, die höchsten Qualitätsanforderungen standhalten und im In- und Ausland stellvertretend für beste deutsche Wertarbeit stehen. Teil 13: Dirndl/Süddeutschland

Text: Janika Ewers

Fotos: Julia Trentini PR

Typisch bayerische Kleidkultur

Die klassischen Dirndl von Manuela Barbarino-Wagner überzeugen ohne viel Chichi

Die klassischen Dirndl von Manuela Barbarino-Wagner überzeugen ohne viel Chichi

Ich bin ein Fischkopp, Hamburger Deern durch und durch. Morgens esse ich Brötchen, finde an Labskaus nichts verwerflich und lösche Durst mit Alsterwasser. Ich bin einfach gern im Norden. Doch plötzlich war da dieses tolle Angebot, mein erster richtiger Job, den ich einfach nicht ablehnen konnte. Wie bei jeder guten Sache war der süße Haken inklusive: Ich musste umziehen, in den Süden. Nach München, um genau zu sein. Tschüss Elbe, servus Bayern.

Ich wagte das Abenteuer. Schnell lernte ich, „Grüß Gott “ statt „Moin“ zu sagen, begann den Tag mit Semmeln und gegen den Durst trank ich fortan Radler. So war ich gestählt für das Erklimmen der nächsten Stufe in Sachen bayerischer Lebensart: Ich brauchte ein eigenes Dirndl. Aufi! Ich wagte es. Bis dahin musste ich beim Wort Dirndl immer an Oktoberfest, Bier in Massen statt in Maßen, tiefe Ausschnitte und kurze Röcke denken. Für meinen Geschmack etwas zu viel Fleischbeschau. Aber meine Beraterinnen ließen nicht locker. Also auf ins nächste Dirndlfachgeschäft!

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Schnell merkte ich: Alles, was ich bisher über Dirndl weiß, ist, dass ich nichts weiß. Zu allererst einmal war ich beruhigt, als ich die Länge der Kleider sah. Mini war da nichts. Die Knie waren sittsam bedeckt und die Kleider wadenlang. Die Ausschnitt e waren tief dekolletiert, schafften aber den Spagat, nicht zu tief blicken zu lassen. Das Dekolleté wurde in Szene gesetzt, ohne mir dabei das Gefühl zu geben, dass dieses Kleid mir noch als Nachtwäsche zu reizvoll gewesen wäre.

Als ich mich in dem bayerischen Gewand im Spiegel betrachtete, fühlte ich mich fraulich und schön. Bei so viel Anmut frage ich mich bis heute, warum das Dirndl nördlich des Weißwurstäquators eigentlich immer mit dem Oktoberfest assoziiert wird. Traditionell betrachtet haben beide nämlich gar nichts miteinander an der Schleife (tragen Ledige übrigens links, ich seit Kurzem rechts).

Das Dirndl geht vielmehr zurück auf die ländliche Alltagskleidung der Mägde. Ende des 19. Jahrhunderts – als die Alpen als Reiseziel immer beliebter wurden – fanden die Schürzenkleider Anklang bei städtischen Frauen auf Sommerfrische. Kurzerhand perfektionierten sie die einfache Landfrauentracht zu modischen Gewändern. So wurde das Dirndl für Städterinnen salonfähig. Erstaunlich, denn kaum eine Frau vom Lande wäre auf die Idee gekommen, in ihrem Arbeitskleid auf die Münchner Wiesn zu gehen. Für das Oktoberfest schmiss man sich in der Provinz noch in Schale. Wie komme ich also darauf? Ich forsche nach. Mit Ergebnis, denn die Liaisonzwischen Oktoberfest und Dirndl ist jünger und sogar romantisch.

1972 fanden die Olympischen Spiele in München statt. Die Welt liebte die Bilder bayerischer Lebensart, die die hübschen Dirndl der feschen Frauen auf bierfröhlichen Volksfesten rund um den Globus transportierten. Der schwedische Kronprinz Carl Gustaf war so angetan, dass er ein hellblaues Exemplar mit nach Hause nahm. Die darin steckende Olympiahostess Frau Sommerlath ist seit fast 40 Jahren bekannt als Königin Silvia.

Mit der Arbeitskleidung der Landfrauen haben die heutigen Dirndl kaum noch etwas gemein. Feinste Seidenstoffe, schimmernder Taft und zierliche Schürzen ersetzen oft grobe Leinen- und Baumwollgewebe. Doch wie weit darf das Dirndl mit der Mode gehen? Enges Oberteil, weiter Rock, Bluse und Schürze sind für Dirndl-Designerin Julia Trentini absolut klassisch und unverzichtbar. Und auch die Rocklänge muss stimmen. „Wenn ein junges Mädel allerdings Minidirndl mit Chucks (Anm.d. Red.: Turnschuhe) anzieht, finde ich das cool“, freut sich die junge Designerin. Dennoch bleibt sie selbst traditionsbewusst und der Wadenlänge treu. „Aber die Leute sollen anziehen, was sie wollen; dadurch lebt das Ganze.“

„Wenn sich das Dirndl im Alltag nicht weiterentwickeln darf, dann stirbt es aus“, findet auch Manuela Barbarino-Wagner, deren klassische Dirndl vor allem durch ihre Funktionalität bestechen. „Ich finde es schlimm, wenn man Regeln aufstellt. Es regelt sich alles von selber im Leben, und vor allem in der Mode.“ Also sind Minidirndl und Co. in Ordnung; wer sie trägt, sollte sich was trauen und die entsprechenden Beine haben. Jedes Jahr zum Oktoberfest boomt der Markt. Jede Frau will eines – oder besser: ein weiteres – haben.

Für viele Dirndl-Designerinnen gleicht das Oktoberfest aber immer mehr einem Maskenball. Wenn ihr Lieblingskleidungsstück zum Faschingsoutfit mutiert, hört bei Frau Trentini der Spaß auf. Ein T-Shirt mit Dirndldruck? So ein Quatsch! Denn mit dem eleganten Dirndlgewand hat das nichts mehr zu tun. Einig sind sich die allermeisten Damen vor allem auch darin, dass ein Dirndl nicht zu lasziv oder gar obszön sein sollte. Schließlich hat nur das Dirndl die wunderbare, einzigartige Fähigkeit, jede Frau – egal ob klein, groß, dick, dünn, hübsch, hässlich, alt oder jung – in das allerschönste Licht zu stellen.

Ich für meinen Teil habe schließlich eins gefunden. Und ich zelebrierte es, in meinem echten Münchner Dirndl und mit einem echten Hamburger Bier in der Hand das Beste aus meiner alten und meiner damals neuen Heimat zu verbinden, um auf das schöne Leben zwischen Elbe und Isar anzustoßen.



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