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Sehnsucht Deutschland - Film

Auf in die Sümpfe! Spreewald Abenteuer (Seite 2 von 3)

Und wir mittendrin. Saure Gurkenzeit war gestern! In der grünen Wildnis Brandenburgs wähnt man sich auf einer Expedition zwischen Krokodilen und – ja – Gurken!

Text: Michael Dietrich

Fotos: Frank Krems

Ochsenbacken und ein Radweltmeister
Zurück aus Dschungel und Vergangenheit nimmt uns Marco Giedow in Empfang. Giedow, 37, ist ein bodenständiger, hemdsärmeliger Mensch und Chefkoch in der ”Speisenkammer“, einem der ?besten Restaurants im Spreewald. Tester des Fressführers ”Gault & Millau“ bescheinigen in ihrer jüngsten Ausgabe dem ”Brandenburger Meisterkoch von 2011 und 2015“ einen hohen Grad an Kochkunst, Kreativität und Qualität und bewerten ihn mit 15 von 20 Punkten. Nach unserer Dschungeldurchquerung emp-fiehlt er uns Haudegen zunächst mal Zunge mit Nussbutter, Essiggemüse und Knusperbrot, danach Ochsenbacken mit Kartoffelgratin, Pfifferlingen und Wurzelgemüse – und als Dessert schließlich noch Kokosnusskaramell mit Portweineis und Nussschaum. Als Begleiter bestens dazugesellen würden sich ein badischer Grauburgunder und ein Spätburgunder aus der Pfalz. Wir sagen nicht nein, genießen in locker-rustikaler Atmosphäre und sind uns einig: 17 von 20 Punkten – mindestens.

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An unserem Nebentisch sitzt der Besitzer des Lokals, Dirk Meier. Richtig: Der Meier, der 1989 zusammen mit seinem Team Radweltmeister wurde – und sich hier in Burg nach seiner Karriere ein kleines Imperium geschaffen hat. Meier verfügt derzeit über zwei erstklassige Hotels, das Restaurant, im dem wir gerade sitzen, über 30 Spreewaldkähne, 75 Paddelboote und 85 Fahrräder. Begleitet wird er heute von seiner Frau – mit einer Haut wie Samt und Seide. Frau Meier muss es wissen. ”Wo im Spreewald werden zu kosmetischen Zwecken Gurkenmasken aufgelegt?“ ”Zum Beispiel in Lübbenau, im Wellness-Center Spreewelten, wo Sie auch mit Pinguinen schwimmen können“, antwortet sie. Aha. Beide Maßnahmen könnten – psychisch wie physisch – zu meiner weiteren Genesung beitragen. Von unserem Thermenhotel bis ins westlich gele-gene Lübbenau sind es gerade mal 15 Kilometer.

Lübbenau, die ”heimliche Hauptstadt des Spreewaldes“ (so Theodor Fontane in seinen ”Wanderungen durch die Mark Brandenburg“), ist noch heute der bekannteste und meistbesuchte Ort im Reich der Gurken: 19?000 Einwohner, über eine halbe Million Besucher pro Jahr. Von dort geht es mit Spreewaldkähnen ins denkmalgeschützte Lagunendorf Lehde, mit seinen Holzblockbauten aus dem 18. und 19. Jahrhundert. In dem ehemaligen Künstlerdorf wird die Post noch mit dem Kahn zugestellt und der Müll auf dem Wasserweg entsorgt. Fontane nannte Lehde – mit viel künstlerischer Freiheit – das ”Venedig im Kleinen“. Venedig in Winzig hätte mir besser gefallen. Trotz all der Touristen, die es sich hier bei Gurken und Schmalzbrot gut gehen lassen, das Bilderbuch- und Postkartendorf sollte, nein: muss man gesehen haben.

Quark und Gurken fürs Gesicht
Es ist jetzt viertel nach zehn am nächsten Morgen. Nach unserem Frühstück mit der zweiten ”Rabe“-Gurke drängt die Zeit. Meine Maske! ?Wir gurken mit dem Auto über flaches Bauernland, vorbei an Flachs- und Weizenfeldern, die Fahrt führt über kleine Brücken und durch verträumte Weiler. In Lübbenau angekommen, wartet Yuly Martinez bereits. Die 21-jährige Kolumbianerin empfiehlt für die Behandlung den großen Garten der Wellness-Anlage mit seinen insgesamt 14 Saunahäuschen – ”bei dem schönen Wetter heute Morgen“. Ich entledige mich meines T-Shirts und bedecke meine Brust mit einem großen, weißen Badetuch. Danach verstreichen Frau Martinez’ Finger eine Creme aus Quark, pürierter Gurke und Gurkenöl auf meinem Gesicht, zum Schluss legt sie mir Gurkenscheiben auf Augen und Stirn. Ziemlich komisch muss ich jetzt aussehen.

Während ich mir noch überlege, was die Leute wohl über mich denken, spüre ich, wie die Maske kühlt – und entspannt. Stunden könnte ich so verbringen, aber nach 20 Minuten ist Schluss: ”Mehr bringt nichts.“ Ich wasche mir den Brei von Wangen, Stirn und Nase – und siehe da: zwei Wochen jünger. Jetzt noch schnell zum Outdoor-Pool mit den Pinguinen, die, durch eine Glaswand getrennt, beim Schwimmen fast noch lustiger anzuschauen sind als an Land. Frau Martinez sagt, man habe in den ”Spreewelten“ nach einer Attraktion mit hohem Niedlichkeitswert gesucht, nachdem hier nach und nach Familien mit Kindern als Gäste weggeblieben seien. Dank der Tiere sei jetzt endgültig Schluss damit. Pinguine als Entwicklungshelfer. Einzigartig in Europa.

Erinnerung an die Schulzeit
Weiter geht’s zum großen Kahnfährhafen, dorthin, wo die Touristenboote feucht-fröhlich nach Klein Venedig ablegen – und sich die Qualitätsfanatiker unter den Gurkenfreunden die Beine in den Bauch stehen. Sämtliche Produkte aller fünf Lübbenauer Gurkeneinleger gibt es hier zu verkosten: darunter Essig-, Honigsenf-, Meerrettich-, Knoblauch-, Salz-, Gewürz- oder Senfgurken. Meine Metzgergurke, so vermute ich, dürfte zu jenen Zeiten sicherlich die Otto-Normal-Gewürzgurke gewesen sein. Nach einer knappen halben Stunde steht für mich fest: Die des Einlegebetriebs Nissel kommt der Schulbubenerinnerung schon sehr nahe. Fest in der Konsistenz und herrlich herzhaft im Geschmack. Herr Nissel sei Einzelkämpfer und betreibe den kleinsten Betrieb im Lande. Die Verkäuferin notiert seine Telefonnummer auf einen Zettel und steckt ihn mir zu.
Nissel hat Zeit. Wir finden ihn in seinem kleinen, bescheiden eingerichteten Büro, mit Urkunden und Ahnenfotos an den Wänden. Früher verdiente er sein Geld als Elektromonteur in einem Großkraftwerk, nach der Wende hat er dann angefangen, Gurken einzulegen – wie seine Groß- und Urgroßeltern.

Wir sollen ihm folgen. In seinem Kräutergarten erzählt er, dass all seine Produkte von hiesigen Bauern stammten und sofort verarbeitet würden: ”Am Vormittag geerntet, am Abend eingelegt.“ Tagsüber wäscht er sie und lässt sie von einer Stechmaschine mit Nadeln durchbohren: ”Damit sämtliche Gase bei der Milchsäurevergärung entweichen können.“ Zum Schluss übergießt er sie mit einem heißen Sud aus Wasser, Salz und Essig und gibt frische Kräuter dazu. Welche, verrät er nicht. In seinem Garten wachsen Dill, Senf, Basilikum, Estragon, Thymian und Zitronenmelisse – neben Paprika und Zwiebeln.

Was nun unterscheidet Nissels Gurken von den Produkten aus dem Supermarktregal? ”Erstens verwenden wir keine schockgefrorenen Kräuter, zweitens, und das ist der Qualitätsunterschied, pasteurisieren wir nicht. Vergleichen Sie Rohmilch mit pasteurisierter Milch, schmeckt ja auch ganz anders.“ Nissels Rohkonserven halten sich etwa drei Monate, die üblichen Vollkonserven hingegen über Jahre. Das Geheimnis meiner ”Metzgergurke“ ist damit gelüftet: nicht pasteurisiert!

Zurück zu Hause, begrüßt mich meine Freundin: ”Gut schaust du aus, frisch und wieder vollkommen gesund.“ Wir verbringen den Abend dann mit ein paar Freunden. Auf dem Tisch stehen Nissels Köstlichkeiten – neben Leberwurst und frischen Brötchen. Ich erzähle von meinen Erlebnissen, und alle hören interessiert zu. Dass wir am ersten Tag nicht gleich an Spreewälder Gurken rangekommen sind, erwähne ich nicht. Wozu auch?

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Frank Krems Frank Krems Frank Krems
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