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Sehnsucht Deutschland - Film

Auf in die Sümpfe! Spreewald Abenteuer

Und wir mittendrin. Saure Gurkenzeit war gestern! In der grünen Wildnis Brandenburgs wähnt man sich auf einer Expedition zwischen Krokodilen und – ja – Gurken!

Text: Michael Dietrich

Fotos: Frank Krems

Die Sehnsucht nach der wahren Gurke

Mit dem Kanu unterwegs: Beste Voraussetzung für das Original-Spreewaldgefühl

Mit dem Kanu unterwegs: Beste Voraussetzung für das Original-Spreewaldgefühl

Jörg ist Hamburger Rechtsanwalt und liebt es, sich auf Festen zum Mittelpunkt zu machen. So etwa im vergangenen Sommer, während einer Gartenparty, als er von einem Pulk Zuhörern umstanden war, ein Frischgezapftes in der Rechten hielt und den linken Zeigefinger gen Himmel hob: ”Leute, ob ihr es glaubt oder nicht“, leitete er das vermeintliche Ende einer minutiös erzählten Geschichte über seinen ersten Urlaubstag neulich im Spreewald ein: ”Es ist uns – verdammt noch mal – nicht gelungen, an eine Spreewälder Gurke ranzukommen.“ Weil, weil, weil. Ha, ha, ha. Auch ich zählte zum Auditorium, Jörgs Geschichte jedoch interessierte mich nicht sonderlich. Vielmehr schweiften meine Gedanken ab in meine frühen Jugendjahre in Süddeutschland – bis hin zu einem Metzgerladen, der auf meinem Schulweg lag. Ich gönnte mir damals von meinem Taschengeld öfter mal ein Brötchen, ließ es dick mit Leberwurst bestreichen und mit großen, länglichen Gurkenscheiben belegen. Welch ein Genuss! Schon seit Ewigkeiten sehnte ich mich nach diesen in säuerlichem Dill- und Zwiebelsud schwimmenden ”Metzgergurken“. Als bekennender Spreewaldkrimi-Fan wollte ich die Auen- und Moorlandschaft mit ihren dunklen, geheimnisvollen Wasserwegen sowieso mal besuchen. Warum dort, rund 100 Kilometer südlich von Berlin, nicht auch nach der Mutter aller Gurken, nach meiner ”Metzgergurke“ fahnden? Für mein Unterfangen konnte ich den Hamburger Fotografen Frank Krems gewinnen, der meine kleine Exkursion dokumentieren wollte.

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Alles so weit prima, bis mich eine Woche vor der geplanten Abreise eine widerliche Erkältung überfiel. Den Trip abblasen? Nein, jetzt bloß nicht schwächeln. Schließlich sollen Gurken ja gesund sein – und auch machen. Ärzte attestieren dem Gemüse reichlich Vitamine aus der B-Gruppe, daneben noch Vitamin C und E. Außerdem ist es reich an Mineralstoffen wie Kalzium, Zink, Eisen, Magnesium, Kalium und Phosphor. Also nix wie hin. Als festen Standort wählte ich das ”Spreewald Thermenhotel“ in Burg, ein Ort, der verspricht, ”Körper, Geist und Seele in Einklang zu bringen“.

Wissenschaftlicher Blödsinn
Wie Jörgs erster Tag im Spreewald, gestaltet sich dann auch unserer. Nicht der Gurke wert. Verspätete Ankunft, alle Läden geschlossen, dazu offeriert uns das Abendbuffet im Hotel seltsam an Zitrone erinnernde Gewächse aus dem Mixed-Pickles-Glas. Hmmh. Trotzdem: Wir fühlen uns hier gut aufgehoben, haben zuvor eine Stunde in den Solethermen geschwommen und geschwebt. Momentan lese ich, wie das nur 75 Kilometer lange, 16 Kilometer breite und von der UNESCO geschützte Biosphärenreservat mit seinen 300 befahrbaren Wasserläufen der Sage nach entstand – und welche Gespenster und Dämonen dort noch rumgeistern sollen. Glaubt man der Lektüre, hat der Teufel höchstpersönlich das Spreewälder Flusslabyrinth erschaffen – damals, als er seine Höllenochsen vor den Pflug spannte und sie mit schmerzhaft scharfem Peitschenknall antreiben wollte. Die völlig verängstigten Tiere rissen sich daraufhin los, jagten kreuz und quer über die Felder und hinterließen tiefe Spuren, die sich hernach mit Wasser füllten. Blödsinn also, was Wissenschaftler behaupten, wonach sich das Gewirr von Kanälen, sprich Fließen, mit dem Einsetzen der Gletscherschmelze gegen Ende der letzten Eiszeit bildeten.

Am nächsten Morgen strahlt die Sonne vom azurblauen Himmel. Und auf unserem üppig beladenen Frühstücksbuffet steht ein Tontopf ?mit Spreewälder Gurken aus dem Hause ”Rabe“. Nicht schlecht, aber doch nicht so ganz der Geschmack meiner Grundschulgurkenzeit. Was wir heute unternehmen wollen? Uns erst einmal ganz der Natur widmen und mit dem Kanu langsam von Fließe zu Fließe treiben lassen. Der Fotograf vermutet hier bildschöne Motive, mir wird die Entspannung sicherlich auch nicht schaden.

Von wegen, Schock Nummer eins: Wie, um Gottes Willen, gelange ich in den Bauch jenes klitzekleinen Boots, das jetzt 1,75 Meter unter meinen Augen im Wasser dümpelt? Was, wenn ich zum Auftakt der Reise im Wasser lande – und das mit meiner Resterkältung? Einfach einsteigen soll ich, passieren könne nicht viel. Mit zitternden Knien und einem Plumps lande ich schließlich auf meinem Sitz. Frank, der Fotograf, macht auf Held und federt rein.

Und schon ist es da, dieses Spreewald-Feeling, Welten, weit vom Alltag weg. Mit den Paddeln in den Händen gleiten wir über flaches, smaragdgrünes Wasser, das mit gemächlichen zweieinhalb Kilometer pro Stunde unterwegs ist. An uns vorbei ziehen ochsenblutfarbene Häuschen mit blau-weiß gestriche-nen Fensterrahmen. In den Gärten drumherum: Pappeln, Erlen, Birken, Kastanien und lila blühende Rhododendronbüsche. Dann, mit dem Einschwenken in den Urwald, tauchen wir ab in vollkommene Ruhe, nur unterbrochen vom Gesang und Gezwitscher mitteilungsbedürftiger Amseln und Meisen. Sattgrüne Wipfel schließen meterhoch über uns, ab und zu blitzt die Sonne durchs Blätterdach. Ich kneife meine Augen zusammen. Und plötzlich wandeln sich Baumwurzeln über dem 1,30 Meter tiefen Wasser in verblichene Skelettarme und schwimmende Tothölzer in große Krokodile. Wo sind wir hier, im Amazonasbecken oder auf dem Orinoko. Wenn da nicht ganz entfernt ein Traktor arbeiten und ein Schaf blöken würde … Glücklicherweise bleiben wir von den Moskito-Sturzkampfgeschwadern verschont, über die Party-Jörg in aller Ausführlichkeit berichtet hatte.

Schock Nummer zwei: Bald erreichen wir die erste Schleuse, ein Monstrum aus Beton, Stahl und dunklen Holzpfählen. Nebenan sprudelt eine Stromschnelle metertief über glatten, bemoosten Stein. Frank steigt aus unserem Boot und öffnet das erste Tor, ich paddle hinein in mein Wassergrab, sinke tiefer und tiefer und erreiche nach ewigen Minuten den unteren Flusspegel. ?Gott sei Dank lässt sich das zweite Tor öffnen – und ist nicht eingerostet. Gemeistert: die erste Schleusendurchquerung meines Lebens. Nach der Aufregung erstreckt sich rechts neben mir eine Butterblumenwiese, links steht ein altes, verfallenes Hexenhäuschen aus Holz. Die Heimat der sagenumwobenen Mittagsfrau, die hier im Spreewald mit ihrer Sichel all jenen Landarbeitern den Kopf abtrennt, die während der Erntezeit zwischen zwölf und eins keine Pause einlegen. Während wir die Ruine inspizieren, winkt vom anderen Ufer eine alte Bäuerin mit einer Sense in der Hand – ich schwör’s! – und erzählt, wie stolz sie auf das Holzhaus ist, das ihre beiden Kinder noch vor der Wende gebaut haben: ”Sieht es denn nicht herrlich gruselig aus? Und passt es nicht in diese gottverlassene Landschaft wie die Faust aufs Auge?“

Wie mag es hier wohl vor über tausend Jahren ausgesehen haben, als die ehemals heidnischen Bewohner noch dem Blitz- und Donnergott Perun und Svaroži, dem Spender des Guten, huldigten? Wie haben sie gelebt, was haben sie gegessen? Beamen wir uns zurück in die Vergangenheit, in die Zeit der Lusizer, die hier Ende des siebten, Anfang des achten Jahrhunderts aus der Ukraine und den Karpaten einwanderten. Die vergessene Welt der Oberlausitz bestand damals aus vielen kleinen Dörfern, mit jeweils bis zu 15 zeltartig gebauten und reetgedeckten Grubenhäusern aus Lehm- und aus Eichenholz. Palisadenzäune aus Eichenstämmen schützten vor Bär, Wolf und Elch. In den oft rundförmig errichteten Ansammlungen spielten Kinder neben Gockel, Schwein und Kuh. Die Frauen bestellten die Äcker, besorgten den Haushalt, wuschen im nahen Fluss und kochten auf offenen Feuerstellen. Die Männer arbeiteten als Soldaten, gingen auf die Jagd und halfen bei schwerer Feldarbeit. Geschlafen wurde auf Schafsfellen über Reisigmatratzen. Zu essen gab es Erbsen, Bohnen, Hirse, Einkorn, Weizen und Roggen – mal mit Leinöl aromatisiert, mal mit dem Fleisch der Haustiere oder dem erlegten Wild. Drohte Krieg, eilten die Bewohner samt Hab, Gut und Vieh in nahe Fluchtburgen und verbrachten Tage und Monate in grausamer Enge und fehlender Hygiene.

Frank Krems Frank Krems Frank Krems
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