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Meine Sehnsucht

Würde für den Weihnachtsbraten

Von David [118 Beiträge]   |   23.12.2009 um 12:54:48

Weihnachten, für meine Familie gemeinhin Heiligabend, war immer ein Fest für sich.

Meine Mutter zauberte für meine beiden Brüder, meinen Vater und mich in ihrer kleinen Küche jahrzehntelang unglaubliche Festessen.

Mit den Jahren wurde der Kreis immer größer, erst kamen Freundinnen dazu, die die blieben wurden Ehefrauen, gefolgt von inzwischen fünf Kindern, einem Hund und den schwarzen Schafen der Großfamilie, die sonst nirgendwo unterkamen, z.B. mein schrulliger Onkel aus Wanne-Eickel und mein homosexueller Vetter dritten Grades.

Und dieses Jahr wollten alle zu uns kommen. Übermütig hatte ich ohne Zwang die gesamte Familie eingeladen. Das war im September. Jetzt war der 24. Dezember, es war mittags um 12 Uhr und auf dem Küchentisch lagen zwei blutige, rohe Wildschweinkeulen, deren Anblick dem Schlachter die Eurozeichen ins Gesicht geprägt hatten.

Ich musste an meine Mutter und an meine schicksalhafte Einladung denken. Wissen Sie wie groß zwei Keulen von rund 12 kg sind? Größer als unser Ofen zum Beispiel.

Schürze festbinden, Brust raus und Tür zu - es geht los
Ich entkorkte eine Flasche Rotwein, um dem mir sonst unbekannten Anflug von Panik Einhalt zu gebieten und verbannte Frau und Kinder aus der Küche.

Nein, gekocht hatte ich eigentlich noch nie. Keinen Braten jemals für eine Runde von zwölf Erwachsenen überhaupt in Erwägung gezogen. Aber – so beruhigte ich mich – sogar die Neandertaler hatten recht lange überlebt. Und die hatten nicht so eine Küche wie wir.
Auch keinen Piekser mit dem man die Innentemperatur des Bratens messen kann. Und erst recht keinen Ofen, dessen Gebrauchsanleitung den Umfang eines großstädtischen Telefonbuchs hat. Früher war eben alles leichter.

Aber ich bin ein Mann. Ich frage nicht nach dem Weg, ich kann alles. Ich bearbeitete also die Braten mit allem was die Küche hergab, benutzte französischen Senf zum Einreiben, schnürte die Schürze enger und schenkte ordentlich Rotwein in den Bräter. Dazu immer auch ein ordentlicher Schluck in mein bauchiges Glas während aus dem Wohnzimmer bereits die Kakophonie der globalen Weihnachtslieder zwischen Bing Crosbys „White Christmas“, „We wish you a merry christmas (in 265 verschiedenen Sprachen, aber der immergleichen Melodie) und „KlingklöckchenKlingelingeling“ die Oberhand gewann.

Und auf einmal war es fünf Stunden später, die Gäste standen erwartungsfroh in der Haustür und lobten den köstlichen Duft, der aus der Küche seinen Weg durch das ganze Haus genommen hatte, weil ich auf die Existenz einer Abzugshaube erst aufmerksam gemacht werden musste.

Ist Wildschwein immer so trocken?

Was soll ich sagen, der Kamin brannte, die Kerzen der stolzen Nordmanntanne auch, irgendwo huschte der Weihnachtsmann durch den Garten und als jüngstes Mitglied einer Generation genießt man quasi so etwas wie Heimvorteil. Bemerkungen wie ein bißchen trocken, aber köstlich, wie lange war das denn so im Ofen?, Wildschwein ist allgemein sehr trocken etc. waren höflich gemeint und wurden von den Ohren durchgewunken.

Und als die böhmischen Knödel meiner Schwägerin und das selbstgemachte Rotkraut meiner Mutter dem Braten einen Rest an Würde sicherten, war es ein herrliches familiäres Weihnachten wo viel gegessen, getrunken und gelacht wurde. Als meine Brüder, beide über 90 kg und fast zwei Meter groß, nach mehr verlangten, war die Gesellenprüfung im Braten braten bestanden.

Und seitdem kommen sie alle Jahre wieder…






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