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Mein Hamburg

Sehnsucht Tipp-Schlachterbörse Hamburg

Von David [118 Beiträge]   |   16.11.2009 um 16:39:00

Einmal im Jahr spiele ich mit meinen beiden Brüdern unser eigenes Brüdergolf-Turnier.
Vor allem, um danach lecker essen zu gehen und entsprechend unseres Handicaps Bier zu trinken.

Und an diesem Abend sind wir nicht kompromissbereit. Experimentierfreudig auch nicht und deshalb haben wir reserviert in der Schlachterbörse, dem Walhalla der köstlichsten Rinder und Schweine.

Man muss dem Seniorchef Herrn Süße doppelt dankbar sein. Zum einen, dass er vor vielen Jahren von der Nordsee in die Kampstraße kam, um die Schlachterbörse nach ihm bekannten Vorbild aus der Pariser Schlachthofgegend aufzubauen. Zum anderen dafür, dass eine seiner Töchter die Liebe zur Gastronomie und zum Fleisch im Besondern geerbt hat.

Eigentlich begann die Vorfreude auf den Abend nämlich schon vor zwei Wochen als ich in der Schlachterbörse anrief und die bezaubernde Juniorchefin Frau Süße am Telefon hatte. Frau Süße hatte uns vor zwei Jahren schon bestens betreut. Am Ende war sie lachend auf einen Stuhl gestiegen, um unser traditionelles Polaroid-Foto als Abschluss des Abends zu schießen.

Ein Foto hatte sie gleich behalten, heute sucht es noch seinen festen Platz zwischen den Abbildungen prominenterer Fleischfreunde aus aller Welt, die zuhauf und dekorativ an den Wänden hängen.

Fröhlich verbindlich flötet sie ins Telefon. Wir wollen nur zu dritt kommen, aber den besten Tisch im Laden – No 2 rechts neben der Tür am Fenster – haben. Ich appelliere an ihre Erinnerung, die Fleischberge vom letzten Mal müssen doch noch abrufbar sein. Glaubhaft vermittele ich, wir würden für sechs essen und trinken. Und Frau Süße vertraut mir und verspricht den Tisch.

Es ist jetzt Samstag, wir verspäten uns und werden ein bißchen unruhig. Wird sie den Tisch halten? Zwei Mal rufe ich an, bitte nicht den Tisch weggeben. Nein, ist für sie schon eingedeckt, wir erwarten sie gerne und überhaupt freuen wir uns auf sie, verspricht Frau Süße während im Hintergrund das Restaurant ins Weltall zu starten scheint.

Und dann kommen wir an, das Lokal birst aus allen Nähten, nur das Filetstück von Tisch – eben die No 2 – steht umbrandet von Gästen, die keine Reservierung haben. Und ist frei.

Kennen Sie das Gefühl von Glück, genau in dem Lokal auf dem Platz an dem Tisch zu sitzen, den Sie vor Augen gehabt haben?

Mit diesem Gefühl bekommen wir die ersten Biere – Stauder und Holsten – und die Karte, die uns immer wieder Lesespaß ob der vielen verschiedenen Steaks bereitet.

Gut beraten ist, wer sich in der Schlachterbörse auf das Wesentliche konzentriert. Und so starten wir nur mit Tartarhäppchen, die auf Schwarzbrot kommen und fast süßlich gehen. Übrigens einer der Klassiker hier.

Und dann geht die Schlacht los. Filetmittelstück, Filet de Paris, Pfeffersteak und Karbonade, in Scheiben, vielleicht sollte man lieber sagen, in Bergen ab 300 gr. Wie Pawlowsche Hunde freuen wir uns auf das was da kommen wird.

Wer übrigens dickere Steaks haben will, kann sich die Stücke so vom Tier abschneiden lassen, dass keine Fragen mehr offen bleiben. Auch das dickste Steak der Stadt gibt es damit zweifellos hier.

Steaks kommen immer genau wie wir sie lieben, dazu gibt es Pilze, Spinat und Bratkartoffeln, die Standard-Beilagen hier. Aber wer gerne viel Fleisch ist, hält sich bei den Beilagen ohnehin im Hintergrund.

Der Service liebt Fleischfreunde, ist schnell, umsichtig, immer sehr liebenswürdig und das Bier ist richtig kalt, die Gläser leicht beschlagen ob der niedrigen Temperatur. Köstlich.

Und während ich mir kaum merken kann, was ich vor zwei Minuten bestellt habe, nimmt Frau Süße unsere nächste Order lachend entgegen, merkt sich drei verschiedene Steaks mit unterschiedlichen Garzeiten und verschiedene Biere. Nebenbei beantwortet sie allerhand Fragen, hilft einem Gast in den Mantel und während wir uns über soviel Souveränität noch wundern, steht das neue Bier schon wieder auf dem Tisch.

In der Schlachterbörse schreibt sich niemand etwas auf, der Service schon gar nicht.
Allerdings vergisst der Service auch nicht und wir nicht den Service.

Als das erste Mal abgeräumt worden ist, fragen wir, ob wir noch etwas haben könnten. Das Bringen der Dessertkarte lehnen wir freundlich ab, fragen höflich, ob es hier nicht auch Steaks gibt und ernten ein ungläubiges Grinsen. Kommt selten vor, dass jemand zwei Steaks isst. Und das drei davon an einem Tisch sitzen ist offensichtlich seit unserem letzten Besuch nicht mehr vorgekommen.

Natürlich haben wir keinen Hunger mehr, aber Lust auf mehr. Für uns ist Steakessen schon fast ein Sport, der bei Freunden und Familie ein ungläubig-fasziniertes Kopfschütteln auslöst.
Aber wir lieben eben Fleisch. Das hat der Vater uns mitgegeben.

Und die zweite Runde kommt genauso schön daher wie die erste. Inzwischen hat sich um unseren Tisch eine Menschentraube versammelt, tumultartige Szenen spielen sich ab und wildfremde Menschen schließen Wetten ab und feuern uns an. Als ich nachts orientierungslos durchs eigene Haus laufe, realisiere ich, dass ich letzteres nur geträumt habe. Zum Glück.

Die Schlachterbörse leert sich langsam, wir haben sie fast alle kommen und gehen gesehen.
Eine letzte Runde Bier, mein Bruder holt die Polaroid raus, Frau Süße steigt auf den Stuhl und macht Fotos. Wieder vier Stück. Eines für jeden von uns, eines für die Schlachterbörse.

Sie ruft Taxen, umarmt uns und mit dem Versprechen, dass wir nie wieder eine so lange Zeitspanne zwischen unseren Besuchen zulassen werden, entlässt sie uns in die nasskalte Kampstraße.
Das tun wir gerne, und wenn wir ab jetzt zwei Mal Golf spielen�

Herzlichst, Schnuppidu

P.S.:
Übrigens, wer Schlachterbörse sagt, meint in aller Regel den Hauptraum mit dem schönen Tresen hinter dem der Service für Getränke rotiert. Genau hinter diesem Tresen müssen alle Gäste, die den Hauptraum nicht kennen oder mögen (unwahrscheinlich), vorbei um zu ihren Plätzen in den labyrinthartig verschachtelten Räumen in den Katakomben zu kommen. Service, Fleisch und Bier sind da genau so schön, atmosphärisch fällt es aber ab.


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