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Mein Hamburg

Haifischbar - unveränderte Institution am Fischmarkt

Von David [118 Beiträge]   |   07.10.2008 um 10:39:23

�Junge, komm bald wieder, bald wieder nach Haus, Junge, fahr nie wieder, nie wieder hinaus�, diese Zeilen zaubern Norddeutschen eine Ganzkörpergänsehaut, von unserem Hamburger Jung Freddy Quinn mit viel Herz gesungen und weltberühmt (?) geworden. Ingebriff der Hafenromantik.

Das ist das erste Lied, das ich wähle, als wir letzten Freitag nach rund 20 Jahren mal wieder in der Haifischbar sind. Früher
waren wir gelegentlich hier, meistens in der Fischmarktnacht, ein Blinder spielte damals auf dem Akkordeon, der Laden war voll, schwer verqualmt und ziemlich verrucht. Frei nach einem Film, dessen Namen ich nicht erinnere, sagten wir, es handele sich um die übelste Spelunke am Kai, schäferhundgroße Kakerlaken und Frauen mit Brüsten, die einem Haifisch eine Maulsperre verpassen würden.

Eine echte Kneipe, irgendwo hängt auch noch ein Haifischgebiss, ein kleiner Alligator und allerhand Utensilien, die mit Hafen, Seemännern und Meer zu tun haben, nebenan ist die Seemannsmission. Den klassischen Seemann, mit dickem Oberarm, Tätowierung und großem Herz gibt es dort allerdings nicht mehr. Und wenn, kommen sie nicht in die Haifischbar, weil auch die modernen Seeleute nicht mehr saufen und raufen, sondern arbeiten und sparen.

Diesmal haben wir einen ganz verrückten Start, es ist früher Abend, 19h, wir sind stocknüchtern und wollen uns eigentlich nur hier treffen, um in die um die Ecke liegende Älteste Seemannskneipe von Hamburg – den Schellfischposten – zu gehen.

In der Haifischbar sind jetzt bereits 25 junge Männer aus Freiburg im Breisgau, alle im Hawaii-Hemd, nur einer – der größte und nüchternste – muss im Rotkäppchen-Outfit Kondome und Schnäpse mit schlüpfrigen Namen an Vorbeigehende verkaufen. Seit morgens um 8h sind sie unterwegs, man sieht es ihnen an.

Wir sitzen draussen, links und rechts des Eingangs, es ist mild, würde die Abendsonne scheinen, wäre das ein besonders feiner Platz. Der Blick auf den Containerterminal Tollerort ist noch gänzlich frei, doch Bagger stehen schon bereit, um einen weiteren Neubau hochzuziehen, dann steht die Haifischbar auf einmal in der zweiten Reihe. Astra aus der Flasche, blitzkalt, Selbstbedienung.

Um 20 h haben die – ganz netten und friedlichen – Jungs genug, die Musicbox wird frei, ebenso der Tresen, am Zigarettenautomat hängt der Spruch �Schluck, du Luder�, womit hier wohl nur die Geldstücke gemeint sein können. Alle rauchen als hätte es nie irgendeinen Gesetzesentwurf gegeben, der mit Nichtraucherschutz zu tun gehabt hat.

Bea, seit 14 Jahren in Hamburg, Berlinerin mit Schnauze, schmeisst heute den Laden, eigentlich hat sie eine Kneipe an der Holstenstraße, da sollen wir nächstes Mal hinkommen. Ihr zur Seite steht Claudi, die uns nachdem sie Vertrauen in unsere Seriösität gefasst hat, gesteht, dass wir mal einen ausgeben sollen/dürfen, sie und Bea trinken gerne Ouzo.

Zwei Ouzo später steht eine große Portion Pommes mit viel Majo auf dem Tresen, in der Box laufen Lieder von Lotto (Fliegen), Engelbert (Release Me), Elvis (In the Ghetto), Freddy usw., wir sind die einzigen, die die schöne Box füttern. Ein paar Kleinigkeiten kann man hier essen, was vorbei kam, war frittiert, Fritten waren prima, echte, bodenständige Küche kann man bestimmt nicht erwarten. Warum auch, es ist ja eine richtige Kneipe.

Der Laden ist gut gefüllt, ein paar Medienvertreter in der Ecke, ich erkenne eine Journalistin, die uns vor kurzem interviewt hat, sie erkennt mich nicht, abgesehen davon, dass das gut so ist, spiegelt es auch die Qualität ihres Beitrags von damals wieder. Bestimmt findet sie es ziemlich hip hier. Das ist es aber eben gerade nicht, weder angesagt noch dem Zeitgeist in irgendeiner Weise entsprechend. Die Kneipe hat sich nicht verändert, das ist herrlich, weil sie auch nicht so abgewrackt ist wie Kneipen auf dem Hamburger Berg oder in der Talstraße. Es ist sogar recht gutes Publikum hier, ein älterer gepflegter Herr sitzt an der Tresenecke, trinkt fünf Bier, ist happy.

Um 1.30 h ist der große Durst weg, alle Lieder sind mehrfach gehört, der Ouzo ist alle, der alte Mann ist gegangen, bei näherem Betrachten sind die zuvorkommenden Tresendamen doch keine Models mit Bierkutscherschnauze, eher kampferprobte Frauen aus der ersten Reihe. Wir gehen.

Ach ja, ein Absacker im Schellfischposten soll es noch sein, da wollten wir ja eigentlich hin. Die Tür ist verschlossen, die Lichter erloschen. Wahrscheinlich ein Glücksfall, damit wir uns nächstes Mal gleich in der ältesten Seemannskneipe von Hamburg treffen können. Aber ob wir das jetzt noch wollen?

Wir werden sehen, die Haifischbar bekommt jedenfalls Bestnoten, weil sie so ist wie sie immer war und ich das klasse finde.


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