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Vattenfall Cyclassics - in rauschender Fahrt

Von David [118 Beiträge]   |   08.09.2008 um 13:48:15

In der Nacht zu Sonntag, es ist bereits 1.30 h, füllen sich unsere von bereits zwei Flaschen Rotwein inspirierten Gäste die bauchigen Gläser noch einmal randvoll. Meine ihnen eben mitgeteilte Startzeit um 7.45 h, verbunden mit der Aufstehzeit um 6.30 h, flösst ihnen zwar Respekt ein, hat aber kaum Einfluß auf ihr Sitzfleisch.

Nun, ich hatte am Freitag noch einen Startplatz erhalten, 55 km Distanz, besser trainierte oder ambitionierte Fahrer melden für 100 oder 155 km durch das Monte Carlo des Radsports, Hamburg eben.

In den letzten Wochen war die Luft, die noch beim Skoda Velothon in Berlin drin war, wieder raus. Trainiert hatte ich nicht mehr, die Pneus meines Rades schlapp wie meine Beine.

Es ist 2.12 h als ich schnell zur Pumpe greife, ein Trikot raussuche, die Startnummer daran befestige und endlich auch ein bißchen Aufregung verspüre.

6.30 h, der Wecker klingelt, ich federe aus dem Bett, mit der kleinen Hoffnung auf Dauerregen, schiebe ich die Vorhänge zur Seite, nein, im Osten ist es bereits hell, es verspricht ein netter Tag zu werden. Es kribbelt, ich bin dabei. Kurze Dusche, nichts zu essen, kein Kaffee, rauchen tue ich auch kaum noch.

Um 7 h bin ich auf der Straße, eine vollgefüllte Trinkflasche steckt im Rahmen, ein Energieriegel und ein bißchen Traubenzucker liegen noch zu Hause, egal, vor dem Start vielleicht noch eine Banane, das sollte reichen.

Für mich eine der schönsten Phasen vor dem Rennen mit frühem Start. Ich fahre mit dem Rad durch die Stadt, menschen- und autoleer, es ist Sonntag und es ist verdammt früh.

Das Ziel ist die Innenstadt, Startbeutelabgabe auf dem Ballindamm, dann Start hinter dem Dammtorbahnhof.

Je näher man kommt, desto mehr Fahrer kommen aus den Häusern und Straßen mit dem gleichen Ziel, alle gut zu erkennen an den gelben Starterbeuteln, die sie auf dem Rücken tragen. Es wird gegrüßt, sich freundlich zugenickt.

Schon auf der Reeperbahn ist einiges gesperrt, die Radfahrer haben den Verkehr zum Ärger genervter Taxifahrer schon im Griff, fahren in größeren Gruppen, lassen sich nicht beirren.

Wie üblich ist alles sehr gut organisiert, die Cyclassics finden zum 13. Mal statt und man merkt an jeder Ecke, dass die Veranstalter jedes Jahr noch um ein Müh besser werden, Teilnehmer, die ihre Startunterlagen vorher lesen, sind - wie überall im Leben - sehr im Vorteil, müssen sie doch weder fragen, noch nervös in der Vorstarthektik schimpfen.

22.000 Leute gehen heute hier an den Start, rund 7.000 davon auf meiner Strecke, 55km.

An großen Zelten gibt man die Startbeutel ab, ein trockenes Hemd, ein Handy, Schlüssel, alles, was man später gerne hätte, aber auf dem Rad nicht brauchen kann, wandert in diese Beutel, die wohlgelaunte Jugendliche annehmen und nach Zahlen sortiert aufbewahren.

Nette Mütter älterer Bauart schmeissen derweil die Vorstartverpflegungsstationen mit netten Worten für jedermann, Bananen, Apfelsinen, Isogetränken, Wasser und Apfelschorle satt. Außerdem Müsliriegel, mir persönlich ein Rätsel, wie man so ein Ding morgens futtern kann.

Ich bin Startblock B, das ist direkt hinter A und sehr weit vorne, d.h. das rund 6.000 Fahrer hinter mir sein werden, mich verfolgen und evtl. sogar überholen werden.

Ein paar Freunde stehen mit mir im Startblock, wir sind inzwischen alle Veteranen, haben uns die vordere Position durch entsprechend schnelle Ergebnisse in den letzten Jahren verdient.

Es geht los, die Schuhe werden in die Pedale eingeklickt, das Tempo ist sofort sehr hoch, die Uni fliegt vorbei, der Schlump, Bornkampsweg, der Volkspark bleibt links liegen, es geht nach Westen, raus Richtung Schenefeld, eine Gruppe zu finden, ist das Ziel. Eine Gruppe, die ungefährt mein Tempo fährt, wo ich mich einklinken kann, im Windschatten Körner (Energie/Kraft) sparen kann. In Schenefeld habe ich sie endlich, mal schnell (45km/h), mal bummelig (35km/h) fliegen wir wie ein Hornissenschwarm über die Straße. Schulter an Schulter, Reifen nur wenige Zentimeter von einander getrennt. Stürze sind auch deshalb häufig, weil die wenigsten Teilnehmer in diesen Feldern Erfahrung haben, oft nervös sind, ein kleiner Verbremser oder Schlenker zur Seite kann sehr schmerzhafte Folgen für viele Fahrer haben. In unserer Gruppe passiert aber nichts. Appen, Holm und Wedel kommen, allesamt in Schleswig-Holstein, Vororte von Hamburg.

In Wedel tobt die Hölle, ein Sprecher feuert Fahrer und Zuschauer gleichermaßen an, immer die Hände an den Bremsen, die davon taub werden, einschlafen, ausgeschüttelt werden müssen, sie werden noch gebraucht. Inzwischen schmerzt auch der Nacken vom dauerenden nach vorne schauen, der Hintern ist hier nur ein Kollateralschaden.

In rasender Fahrt geht es an Schulau vorbei, dort wo die ein- und auslaufenden Schiffe vom scheppernden Tonband begrüßt werden, die Berge (!) kommen. Erst sind es nur leichte Steigungen, kaum wahrnehmbar, später dann der Kösterberg, so etwas wie der Mont Ventoux der Cyclassics (der härteste “Berg”, der Waseberg, wird nur von den Profis befahren) für jedermann, das Feld explodiert, die Steigung trennt mich vom Weizen, heute bin ich nur Spreu. Ich beisse auf die Zähne, die Oberschenkel fangen an zu singen als ich Armstronggleich im Wiegetritt den Hügel erklimme.

Als ich es geschafft habe, ist meine schöne Gruppe bereits weg, die besten vorne, die langsamsten noch hinter mir, ich bin für das schönste Stück Strecke fast alleine. Jetzt wird nochmal richtig getreten, von der Shell-Tankstelle in Blankenese geht es in rauschender Fahrt Richtung Innenstadt, leicht abschüssig, über 50km/h auf dem Tacho.

Die Elbchausse kommt, Teufelsbrück und der Jenischpark,
alle Straßen sind heute für uns komplett gesperrt, bis der letzte das Ziel mit der vorgebenen Mindestgeschwindigkeit erreichen wird. Phantastisch.

Altona, Fischmarkt rechts, ich muss scharf links, Peepermöhlenbeek, Reeperbahn, viele Zuschauer, Fischmarktbesucher feuern mich an, kann ich noch gewinnen?

Jetzt weinen die Oberschenkel schon, vor der Laiezhalle geht es rechts runter, Axel-Springer-Haus, Rödingsmarkt, alles fliegt vorbei und dann ist sie da, die Flamme Rouge, die die letzten 1.000 Meter anzeigt. Entspannt gucken, einen guten Eindruck hinterlassen, denn ab Rathaus stehen links und rechts Tausende von Menschen, schreien, jubeln, freuen sich, schwenken ihre Rasseln, man hört die Moderation, die jedermänner kommen. Ich kriege ein Dauergrinsen nicht aus dem Gesicht, fühle mich wie ein Star, glücklicherweise bin nicht mit der Gruppe ins Ziel gekommen, sondern habe die ganze Mönckebergstraße für mich alleine, zum Genießen.

Lebenstraum Sportstar sein, hier kann man mal für ein paar Hundert Meter fühlen, wie das wohl wäre, führe man dem sicheren Sieg entgegen.

Es ist 9.20h, zuhause wird noch geschlafen, ich habe einen tollen Sonntagmorgen erlebt, war in Holstein, fuhr durch halb Hamburg, wurde bejubelt, bekam eine schicke Medaille, die einem Ritzel (Teil der Radschaltung) nachempfunden ist und ein frisch gezapftes Bier haben meine mir im Rennen enteilten Freunde auf dem Rathausmarkt auch schon in der Morgensonne bereit gestellt.

Life could be worse,
übrigens sind die Cyclassics mit 22.000 Startplätzen innerhalb von wenigen Tagen ausverkauft. Nur so, falls ihr auch mal fahren wollt.

Foto: upsolut/hochzwei


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