Reinhard Libuda, den alle Stan nannten, Stan Libuda, beherrschte in seinem Leben nur eine Sache: links antäuschen und rechts vorbeiziehen. Er konnte das Leben überhaupt nur ertragen, weil er diese eine Sache so gut drauf hatte wie kein anderer. Linker Fuß, rechter Fuß, links, rechts, vorbei. So fing alles an, so hörte alles auf.
In dem Fußballverein Schalke 04, für den er bis 1974 stürmte, verdiente sich Libuda die Rückennummer 7 und wurde zuständig für Wunder. Er konnte seine Gegner schwindelig spielen. Ein Künstler war er, kein Torjäger. Ein Jahrhundertgenie. Auf einer Litfaßsäule in Gelsenkirchen-Schalke klebte damals ein Werbeplakat der Kirche mit der Aufschrift „An Gott kommt keiner vorbei“. „Außer Libuda“, kritzelte jemand dahinter. Man weiß nicht, ob die Geschichte stimmt, aber darauf kommt es nicht an.
In der Glückauf-Kampfbahn in Gelsenkirchen dribbelte ein drahtiger, sensibler Mann: ein paar Jahre lang der beste Rechtsaußen des Landes, ein paar Spiele lang der beste Rechtsaußen der Welt. Ein Hilfsschlosser mit abgebrochener Lehre, ein Niemand in einer rußgeschwärzten Stadt, ein Mann ohne Bücher und ohne Anekdoten, dessen Können auf die Außenbahn reduziert war. Dieser Mann verkörperte für unzählige Zuschauer die trickreiche Schönheit des Fußballspiels. Links, rechts, links, rechts. Er konnte nur diese eine Sache und er verschmolz vollkommen damit.
Er war nicht klug, nicht witzig, nicht selbstbewusst, nicht redegewandt, nicht off enherzig, nicht flexibel, nicht fröhlich. Aber im Klang seines Namens schwang eine unbändige Hoffnung mit, dieses Fankurven-Namens, der durch das Stadion rollte wie eine Hymne. Stan Libuda war das größte Versprechen, zu dem sich diese kleinlaute Stadt jemals hinreißen ließ. 1970, während der Weltmeisterschaft in Mexiko, sagte Bulgariens Trainer, nachdem seine Verteidiger an dem Haken schlagenden Libuda gescheitert waren: „Diesen Mann kann man nur mit einer Flinte erlegen.“
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Dieser Artikel erschien am 12.11.2009 in DIE ZEIT